Russlands Handelsminister Denis Manturow etwa gibt sich demonstrativ gelassen. "Welche Sanktionen?" fragt er nur spitz. Was da vom Westen gegen sein Land unternommen worden sei, ist für ihn Kleinkram - "Peanuts". Andrej Belousow, Chef-Wirtschaftsberater von Präsident Wladimir Putin, assistiert: "Die Sanktionen in ihrem aktuellen Format haben keine volkswirtschaftlichen Effekte", versichert er. Er spricht allen Unkenrufen zum Trotz davon, dass die russische Wirtschaft in diesem Jahr um annähernd ein Prozent wachsen werde. Damit würde das Land noch einen deutlichen Sicherheitsabstand zu einer Rezession halten.

Doch nicht nur Wirtschafts- und Regierungsvertreter im Westen sehen das ganz anders. Auch der angesehene russische Ex-Finanzminister Alexej Kudrin, der immer noch das Ohr von Putin haben soll, zweifelt das an. Er spricht davon, dass die bisherigen Strafmaßnahmen zusammen mit den übrigen Folgen des Konflikts das Wachstum Russlands um rund ein Prozentpunkt dämpften. Wenn noch weitere Sanktionen hinzukämen, werde es noch schlimmer, schmerzhafter. "Die Folgen sehen so aus: Eine Verschlechterung beim Wachstum des Bruttoinlandsprodukts über mehrere Jahre um ein paar Punkte, eine Rückgang im Realeinkommen und niedrigere Löhne", sagte er der Nachrichtenagentur ITAR-Tass.

KUDRIN: BISHERIGE SANKTIONEN KOSTEN EIN PROZENT WACHSTUM

Damit liegt Kudrin auf einer Linie mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) - dem allerdings in Ländern wie Russland oder auch China seit langem eine ungebührliche Nähe zu den USA und den arrivierten Industrieländern unterstellt wird. Der IWF war erst Anfang Juli nach Expertengesprächen mit Verantwortlichen in Russland zu dem Schluss gekommen: Russland könne froh sein, wenn es in diesem Jahr überhaupt noch mit einem Wachstum von 0,2 Prozent knapp über Null bleibe. Da die Fonds-Fachleute allerdings in ihren Analysen noch davon ausgehen, dass der Konflikt um die Ukraine Schritt um Schritt gelöst werde - wonach es derzeit nicht aussieht - steht das Rezessionsgespenst akut vor Russland. Denn der Westen scheint entschlossen, die Sanktionsschraube weiter anzuziehen.

Dramatisch ist für das Land zudem ein weiterer IWF-Befund: das ganze Geschäftsmodell Russlands mit seinem Vertrauen auf den Energiereichtum und steigende Öl- und Gaspreise stehe auf der Kippe. Zukunftsfähig sei das nicht. Wenn es aber so ist, und darauf weisen westliche Wirtschaftsvertreter seit langem hin, dass Russlands Industrie marode ist und umfassend modernisiert werden muss, dann könnten weitere Sanktionen gerade hier eine Tür zuschlagen. Denn ohne westliche Hilfe, ohne das technologische Know-how deutscher und anderer hochentwickelter Firmen, etwa im Maschinenbau oder in der Steuerungstechnik, kann diese Modernisierung wohl kaum gelingen.

DEUTSCHE FIRMEN IN RUSSLAND SEHEN MASSIVE REZESSIONSGEFAHR

Der Ost-Ausschuss der deutschen Industrie, so etwas wir die Stimme der gut 6000 in Russland aktiven deutschen Firmen, zählt zu denen, die schon lange auf den Modernisierungsbedarf der russischen Wirtschaft verweisen. Dabei stützt er sich auf Mitgliedsfirmen, die den Zustand der russischen Wirtschaft aus erster Hand kennen. Es sind gerade diese Unternehmen, die inzwischen mehrheitlich davon ausgehen, dass Russland an einer Rezession kaum vorbeikommt. In einer Mitte Juni abgeschlossenen Umfrage unter deutschen Firmen im Land äußerten 53 Prozent die Prognose, dass Russland wirtschaftlich ins Minus stürzt. Zu Jahresanfang waren gerade 14 Prozent so pessimistisch.

Allerdings: Sanktionen haben immer zwei Seiten, sie treffen nicht nur das Zielland, sondern auch die Absender. So sprach der Chef des Ost-Ausschusses Eckhard Cordes in dieser Woche von dem "Preis, den alle für diesen Konflikt zahlen müssen" und warnte vor konjunkturellen Gefahren für ganz Europa.

Reuters